Andacht

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen (Jahreslosung 2022)

Hände
Foto: Kat Smith / pexels

Krieg in Europa. Diesen Satz werden viele in den letzten Wochen immer wieder ungläubig gedacht und gesagt haben. Zwar habe ich meine Kinder immer wieder dafür sensibilisiert, dass Frieden in Europa nicht selbstverständlich ist. Aber wenn ich ehrlich bin: Für mich war er das. Dann die Erschütterung, der Schock. Danach die Frage: Was können wir tun? Was kann ich tun? Für meinen 8-jährigen Sohn war es sofort klar: Er sortierte Sachen aus, die er nicht mehr braucht. Er zählte auf, was wir alles kaufen müssen: Zahnbürsten, Windeln, usw. Und er drückte mir einen 5-€-Schein von seinem eigenen Geld in die Hand. Den sollte ich für ihn spenden. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch lange nicht aus meiner Erstarrung erwacht.

Aber mein Sohn ist in guter Gesellschaft: Viele Menschen wussten ganz schnell, wie sie helfen können: Sie mieteten Lagerhallen für Sachspenden; sie machten Großeinkäufe, um die Lagerhallen zu füllen; sie fuhren mit Bussen und PKW an die Grenze, um Geflüchtete in Sicherheit zu bringen. „Ein ehrenwertes Haus“, so titelte ZEITonline am 8. März. Und weiter hieß es: „Als der Krieg ausbricht, überlegt sie nicht. Sie sagt: Kommt zu uns! Wie eine Frau mit russischen Wurzeln ihr Haus in Schwaben räumt, um 19 Ukrainer bei sich aufzunehmen.“

Sie sagt: Kommt zu uns! Hören Sie in diesem Satz auch die Jahreslosung? Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Diese Worte von Jesus sind eine Zusage für jede und jeden von uns. Und doch bekommen sie in diesen Tagen noch eine zweite Dimension. Sie werden zu einer Handlungs-Maxime. Tut etwas! Schon in einem Gebet aus dem 14 Jh. heißt es: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Und egal, ob Menschen Spielsachen aussortieren und sie zur Notunterkunft bringen, 5 € spenden oder Geflüchtete bei sich zu Hause aufnehmen: In jeder dieser Taten wird die diesjährige Jahreslosung lebendig.

Luise Müller | Referentin für religiöse Bildung und seelsorgerische Begleitung von Frauen